Etappe 2 – Orange

29. Juni bis 2. Juli 2017, Orange, Hotel

Mit 13 Kilo Gepäck auf dem Rücken, natürlich sind viel zu viele viel zu warme Strickjacken und Pullover dabei, und mit einem weiteren kleinen, aber schweren Rucksack kämpfe ich mich von Oranges Bahnhof zum Hotel. Auf dem Weg nehme ich nur schleierhaft die riesige Steinmauer wahr, und frage mich noch, wer so ‚was Sinnloses wohl in die Landschaft baut. Etwas später, erfrischt und satt, erfahre ich durch Touri-Broschüren und Info-Tafeln, dass es das größte römisch-antike Theater Europas war. Das besterhaltene Steintheater des westlichen Römischen Reiches, im 1. Jahrhundert n. Chr. erbaut. Die Besonderheit ist die noch existente äußere Theatermauer, 103 Meter lang, 37 Meter hoch. Ach so. Dieses beeindruckende Gebäude steht also in der alten Römerstadt, ursprünglich Arausio, die Augustus im 1. Jahrhundert v. Chr. gegründet hatte.

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Ich bleibe gleich bei der altehrwürdigen Geschichte. Es gibt ein mächtiges Bogentor, ein bedeutendes Bauwerk der provenzalisch-römischen Kunst. Der Bogen auf der Straße von Agrippa wurde zum Ruhm den Stadtgründern der römischen Kolonie Orange geweiht. Die Darstellung von gallischen Gefangenen symbolisiert die Herrschaft Roms. Aller guten Dinge sind drei: Was mich hat staunen lassen, waren die römisches Kadaster. Mit diesem System konnte man Ländereien gerecht aufteilen und Steuern erheben. In Mamor eingraviert sind diese drei erhaltenen Kadaster einzigartig in der römischen Welt. Andere Schätze und Statuen wie das geflügelte Wesen beherbergte das Museum.

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Heute liegt Orange im Departement Vaucluse und hat etwa 30 000 Bewohner. Nicht weit entfernt erhebt sich der Mont Ventoux, 1900 Meter hoch, Teil der provenzalischen Voralpen. Der „windige Berg“ ist einer der drei heiligen Berge der Provence. Wenn man den Hügel Saint Eutrope erklimmt, kann man das alles überschauen.

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Beim Bummeln blieb ich in einer Buchhandlung hängen, um meine Kenntnisse aufzufrischen. Ganz Frankreich teilt sich in zwei große Sprachgebiete: die Langue d’oil, also das Altfranzösische, im Norden, und die Langue d’oc im Süden. Hier sprach man Okzitanisch. Das Provenzalische ist einer der vielen Dialekte im Gebiet der Langue d’oc. Es teilt sich wiederum in vier Dialekte auf: das Rhodanische, das Nissart, das maritime Provenzalische (um Marseille) und das Alpinprovenzalische. Kaum noch jemand spricht diese Dialekte, vielleicht ein paar ältere Leute. Was man aber hier hört, ist die südliche Aussprache von bien [biäng] und demain [demäng].

Brunnen plätschern, Franzosen plaudern. Weißhäupter überall, ältere Herrschaften, Pärchen mittleren Alters, gutbetucht. Natürlich Touristen. Die Einheimischen, selbst die älteren, sind äußerst geschmackvoll gekleidet, farbenfroh, viel Schmuck, schicke Schuhe (oft mit Absatz und Keilabsatz), schlanke Figuren. Gutgelaunt sind die Leute. Man kennt und trifft sich im Café. Bei einem Kaffee oder einem Weißwein am Nachmittag plaudern und lachen sie.

Um eine abgenutzte Redewendung einzuwerfen: Wie Gott in Frankreich. Oder königlich. So fühlte sich es an, unter der Sonne zu wandeln, die heiße Haut gekühlt vom provenzalischen Wind, Zikaden schnarren wieder ohrenbetäubend. Allein die römischen Mauern und Gebäude beim Frühstückskaffee im Café du Théâtre vor Augen zu haben, war vorerst ungreifbar. 2000 Jahre stehen sie dort. Ein paar Meter vom Antiken Theater entfernt mahnt ein halbfertiges Haus, dass unser eins in diesem und dem vorhergehenden Jahrhundert Probleme hat, Pläne umzusetzen, damit etwas von Beständigkeit bleibt. In diesem besonderen Falle, in dieser Stadt, wird vor allem den Sozialisten die Schuld gegeben. Damit das auch ja niemand vergisst, brachte die aktuelle Regierung ein Schild an. Man hofft, dieses habe lange Bestand. Man wählt hier rechtskonservativ bis nationalistisch. Es gab auch schon einen Bürgermeister der Rechten. Bei all der Schönheit vergisst man das leicht.

 

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Zurück zum königlichen Gefühl. Mein Zimmer ist mit Polstersessel und Polsterbett in royalem Stil ausgestattet. Selbst die Toilette steht auf einem Sockel. Man sitzt darauf gleichsam wie auf einem Thron und kann die Beine baumeln lassen. Wen das stört, ziehe wesentlich unroyaler den Mülleimer als Fußstütze heran.

 

 

Beim Essen hielt ich mich vornehm zurück: Zum Picknick auf einer Bank oder einer Steintreppe gab es Baguette, den billigsten Camembert aus dem Angebot, eine Tomate, etwas Obst. Ein Eis darf’s dennoch zwischendurch sein (Karamell mit gesalzener Butter).

Musik ist abends allgegenwärtig. Ich habe königliches Glück: Eine Open Air Jazz Festival vor dem Hôtel de ville. Ein Pop-Rock-Konzert auf dem Platz genau neben meinem Hotel, für oder vom Restaurant gebucht. Eine Opernprobe im antiken Theater für Museumsbesucher gleich inklusive. Selbst ein hartgesottener Opernignorant wie ich es bin, kann sich dieser Wirkung kaum entziehen. Mächtige Stimmen dreier Sänger ohne Verstärker, mit Klavierbegleitung, tönten klar über die 7000 Plätze. Tiefer Bass, Sopran, ein schöner Klang, der mir den Mund offen stehen ließ.

Am letzten Abend hörte ich ein super Konzert der Band Charlie and the Soap Opera. Energetischer Funk, Soul, Rock. Man musste tanzen, das war unausweichlich. Selbst die Weißhäupter ließen sich beim letzten Song dazu bewegen, von ihren Stühlen aufzustehen und die Hüften zu schwingen.

Es freute mich, von Musik umgeben zu sein. Mittlerweile wirbelte der aufkommende Mistral durchs Haar und ließ die Menschen ihre Strickjacken enger um den Körper schlingen. Wolken zogen unter Wolken schnell dahin. Und so verließ ich beschwingt, mit dem Wind im Rücken diesen geschichtsträchtigen, verdammt schönen Ort weiter Richtung Norden.

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