2. bis 4. Juli 2017, Montélimar, bei meiner zweiten Couchsurfing-Gastgeberin Catherine
Der Mistral bläst, bläst die Schatten Montélimars durcheinander. Die mittelgroße Stadt liegt im Departement Drôme. Sie ist die etwas unspektakuläre, aber die mit etwa 37 000 Einwohnern größere Stadt der Region Auvergne-Rhônes-Alpes. Westlich fließt die Rhône vorbei. Die Drôme bekommt den Zusatz „provenzalisch“, wohl aus Tourismus fördernden Überlegungen heraus. Die Stadt liegt sozusagen am Tor zur Provence.
Auch diese Stadt begrüßt mich mit Musik, diesmal brasilianische Lieder und Bossa Nova. Jeden Sonntag wird ein kostenloses Open Air Konzert im Pavillon des Jardin public geboten.
Catherine lebt ein paar Minuten entfernt vom Bahnhof in einem wohlhabenden Viertel mit alten Häusern und großen Gärten. Ihr altes Haus ist ein Kleinod. Versteckt hinter Mauern eröffnet sich ein herrlicher Garten. Da wachsen Palmen, ein Olivenbaum, Sträucher und Rosen. Von der Nachbarin ragen Zweige eines Feigenbaumes über die Mauer. Sie pflückt die Früchte heimlich auf ihrer Seite. Später wird sich in der Dunkelheit ein kleiner, aber eindrucksvoller Skorpion zeigen, den Catherine sogleich abmurkste – sie zerdrückte ihn mit einem Stein an der Hauswand. Er sei zwar harmlos, aber trotzdem nicht willkommen.
Auch hier durfte ich mich an mehrgängigen Abendessen laben. Zum Aperitif gab es Muscat (ein von Natur aus süßer Wein) und Melone, der Hauptgang war Ratatouille mit Feigen, Fleisch vom Lamm dazu. Eine Käseplatte folgte. Zum Nachtisch gab es frische Feigen oder Veilchen-Eis.
Ich wurde nahtlos in den Tagesablauf integriert. So holten wir zwischen Hauptgang und Nachtisch einen alten Holztisch von einer älteren Dame ab, den Catherine für ihre Kinder erstanden hatte. Pragmatisch und etwas abenteuerlich hing der Tisch zur Hälfte aus dem Kofferraum des kleinen Autos, verzurrt mit einem kräftigem Seil. Was nicht alles geht.

Sie ist Psychomotricienne für Kinder. Sie ist 58 Jahre alt und hat selbst zwei Kinder (Paul, 25, und Lucie, 28), ist geschieden, reist gern und gerne ohne großen Plan. Wir unterhielten uns sehr gut über verschiedene Themen, über ihre Familie, ihr Erfahrungen mit Couchsurfing, über Frankreich. Sie fühlt sich ihrer Region nicht besonders verbunden. Sie sei per Zufall Französin und wisse, dass sie Glück habe. Ihre Tochter hatte einen Rumänen zum Freund. Er hatte in Frankreich große Probleme mit seiner Herkunft, sodass er, selbst mit exzellenten Sprachkenntnissen und einer angesehenen Arbeit, irgendwann auf die Frage, woher er käme, seine Herkunft verschwieg. Er käme aus einem nordischen Land. Das Leben in Rumänien sei hart, wenig Arbeit, viel Armut, kein Raum für Kunst, ein Staat, der kaum in Bildung investiert.
Das schöne Orange mochte sie nicht: Eine Front National Stadt sei das. Migranten (besonders Araber) und Homosexuelle hätten dort einen schweren Stand. Vor allem bis vor wenigen Jahren, als noch Fremdenlegionäre stationiert waren. Ehemalige Gefangene und Kriminelle, die Immunität durch die Anstellung für das französische Militär genießen. Harte, rohe, gewalttätige Männer, die eine unangenehme Stimmung in der Stadt verbreiteten. Außerdem seien die Orangois im Allgemeinen nicht sehr gebildet. Was eine kleine Anekdote aus dem Buchladen in Orange ins recht Licht rückt: Eine ältere Dame suchte für einen Freund ein Geschenk. Auf die Frage des Buchhändlers, was ihn denn interessiere, erwiderte sie, er lese kaum, liebe die Jagd, sei sonst nicht besonders intellektuell. Nun, eine Spezialität vom Fleischer wäre vielleicht angebrachter gewesen.
Montélimar hat eine Fahrradspur auf einem Stück Straße zu bieten. Fahrradfreundlich ist wohl keine der südfranzösischen Städte. Wozu sollte das auch gut sein? Die ignorante Stadtverwaltung hat die schmale Spur nur auf das Drängen einer Elterninitiative einrichten lassen, für die Schüler eines Gymnasiums.
Etwas Schönes hat Montélimar aber doch zu bieten. Es ist die traditionelle Stadt des weißen Nougat. Ich erstand in einer der dutzend noch heute produzierenden traditionellen Manufakturen eine große Tüte der Süßigkeit aus Zucker, Honig, Pistazien, Eiweiß und Vanille.

Ganz untraditionell überraschte das Museum für zeitgenössische Kunst mit einer Pop Art Ausstellung (1960er bis zur Gegenwart): Originale Bilder und Objekte von Andy Warhol, Keith Haring, Jean-Michel Basquiat, KRM, 2ynss, polnische Künstlergruppe Lodz Kaliska, Frédéric Bouffandeau, Richard Olinski. Die Bilder von KRM hatten etwas ziemlich Interessantes.
Ich zitiere meine Gastgeberin: Montélimar wartet nicht mit außergewöhnlich Sehenswertem auf, dafür ist sie der Ausgangspunkt zu vielen hübschen Städten und Gegenden in der Auvergne und der Provence.